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Laistrygonen: Odysseus und die menschenfressenden Riesen

Laistrygonen in der OdysseeUnter allen Stationen der homerischen Irrfahrt sticht eine Episode durch ihre schiere Verlustzahl heraus, ohne dass sie in der populären Wahrnehmung annähernd so bekannt wäre wie die Begegnung mit Polyphem oder die Durchfahrt zwischen Skylla und Charybdis: die Begegnung mit den Laistrygonen im zehnten Gesang der Odyssee. Innerhalb weniger Verse vernichtet dieses riesenhafte, kannibalische Volk elf der zwölf Schiffe des Odysseus vollständig, mitsamt ihrer gesamten Besatzung – ein Verlust, der in seiner Größenordnung von keiner anderen Einzelepisode der gesamten Irrfahrt auch nur annähernd erreicht wird. Nach diesem Angriff verfügt Odysseus nur noch über ein einziges Schiff und dessen Besatzung, mit der er die verbleibenden Abenteuer der Odyssee bestreiten muss.

Die vergleichsweise geringe kulturelle Bekanntheit der Laistrygonen-Episode im Verhältnis zu ihrer erzählerischen Tragweite lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass Homer der Szene selbst nur wenige Verse widmet und auf die psychologische Ausgestaltung verzichtet, die etwa die Begegnung mit Polyphem oder Kirke auszeichnet. Und doch ist gerade diese knappe, fast beiläufige Schilderung eines derart katastrophalen Ereignisses literarisch bemerkenswert: Sie zeigt, mit welcher erzählerischen Ökonomie Homer bereit ist, den größten Teil der Mannschaft des Odysseus verschwinden zu lassen, um die Handlung auf die verbleibende Kernbesatzung und die letzten, entscheidenden Abenteuer zu konzentrieren.

Ankunft in Telepylos: Der trügerisch sichere Hafen

Nach der Flucht von der Insel des Aiolos, dem Gott der Winde, dessen Geschenk eines Windsacks von den neugierigen Gefährten des Odysseus kurz vor der Ankunft in Ithaka unbedacht geöffnet wird und die Flotte erneut weit von ihrem Ziel abtreibt, erreicht Odysseus mit seinen zwölf verbliebenen Schiffen das Land der Laistrygonen, dessen Hauptort Telepylos genannt wird. Der Hafen von Telepylos wird von Homer als außergewöhnlich geschützt beschrieben: Steile Felsen umschließen ihn auf beiden Seiten, und die Einfahrt ist so eng, dass praktisch keine Wellen in das Innere des Hafens gelangen können – auf den ersten Blick ein idealer, sicherer Ankerplatz nach den Strapazen der vorangegangenen Reise.

Elf der zwölf Kapitäne des Odysseus lassen sich von dieser scheinbaren Sicherheit täuschen und lenken ihre Schiffe direkt in den engen Hafen hinein, wo sie dicht nebeneinander vertäut werden. Odysseus selbst hingegen zeigt hier zum ersten Mal seit den Kikonen wieder jene besonnene, misstrauische Vorsicht, die ihn als klugen Anführer auszeichnet: Er lässt sein eigenes Schiff außerhalb des Hafens an einem Felsen vertäuen, statt es ebenfalls in die geschützte Bucht zu steuern. Diese einzelne, scheinbar unbedeutende Entscheidung wird sich innerhalb weniger Verse als überlebenswichtig erweisen.

Der Angriff der Laistrygonen: Vernichtung von elf Schiffen des Odysseus

Um das Land und seine Bewohner zu erkunden, entsendet Odysseus, wie schon in mehreren vorangegangenen Episoden, einen kleinen Erkundungstrupp von drei Männern ins Landesinnere. Diese treffen zunächst auf die Tochter des Laistrygonen-Königs Antiphates, die sie zum Palast ihres Vaters führt. Dort offenbart sich die wahre Natur der Laistrygonen: Die Königin des Volkes wird von Homer als bergesgroß und abstoßend beschrieben, und König Antiphates selbst ergreift ohne Vorwarnung einen der drei Kundschafter und verspeist ihn augenblicklich, während die beiden übrigen in panischer Flucht zu den Schiffen zurückeilen können.

Der eigentliche, katastrophale Angriff folgt unmittelbar danach. Antiphates alarmiert mit lautem Geschrei die übrigen Laistrygonen, worauf sich zahlreiche weitere Riesen des Volkes versammeln und von den umliegenden Klippen herab gewaltige Felsbrocken auf die im Hafen liegenden Schiffe schleudern. Die enge, von Felsen umschlossene Bucht, die zuvor als sicherer Hafen erschien, erweist sich nun als tödliche Falle: Die dicht gedrängten, in der geschützten Bucht eingeschlossenen Schiffe können den herabstürzenden Felsbrocken nicht ausweichen und werden nacheinander zertrümmert. Die Laistrygonen spießen die im Wasser treibenden, hilflosen Seeleute anschließend wie Fische auf und tragen sie fort, um sie zu verspeisen.

Odysseus‘ Rettung: Die Bedeutung des äußeren Ankerplatzes

Nur das Schiff des Odysseus, das außerhalb der engen Hafenbucht vor Anker liegt, entgeht diesem Massaker. Da sein Schiff nicht von den Felswänden eingeschlossen ist, kann Odysseus rasch reagieren: Er zieht sein Schwert, durchtrennt eigenhändig das Tau, mit dem sein Schiff vertäut ist, und befiehlt seiner Mannschaft, mit aller Kraft zu rudern, um dem tödlichen Steinhagel und den angreifenden Riesen zu entkommen. Diese schnelle, entschlossene Reaktion rettet das letzte verbliebene Schiff und dessen gesamte Besatzung, während die übrigen elf Schiffe mitsamt ihren Mannschaften vollständig vernichtet werden.

Diese Episode stellt damit ein bemerkenswertes Gegenstück zur Kikonen-Episode zu Beginn der Irrfahrt dar, in der Odysseus vergeblich versucht hatte, seine Gefährten zu rechtzeitigem Handeln zu bewegen. Bei den Laistrygonen ist es hingegen Odysseus‘ eigene, individuelle Vorsicht – die bewusste Entscheidung, sein Schiff getrennt von der übrigen Flotte zu vertäuen –, die ihn und seine engere Mannschaft vor dem Schicksal der übrigen bewahrt. Die Episode zeigt damit auf drastische Weise, welch entscheidenden Unterschied eine einzelne kluge Vorsichtsmaßnahme in einer Krisensituation ausmachen kann, an der zugleich fast die gesamte übrige Flotte zugrunde geht.

Herkunft und Charakter der Laistrygonen

Die Laistrygonen werden von Homer als ein Volk von Riesen geschildert, das in seiner Physiognomie und seinem unzivilisierten, kannibalischen Verhalten deutliche Parallelen zum Kyklopen Polyphem aufweist, wenngleich sie im Unterschied zu Polyphem als organisiertes Volk mit König und Stadt auftreten und nicht als vereinzelte, isolierte Hirten. Diese soziale Organisation macht sie in gewisser Weise noch bedrohlicher als der einzelne Kyklop, da ihr Angriff koordiniert und in überwältigender Zahl erfolgt, ohne dass Odysseus, wie bei Polyphem, die Möglichkeit hätte, sich durch List gegen einen einzelnen Gegner zur Wehr zu setzen.

Innerhalb der antiken geographischen Tradition wurde das Land der Laistrygonen gelegentlich mit verschiedenen realen Orten in Verbindung gebracht, darunter Regionen Siziliens oder der süditalienischen Küste, wobei diese Zuordnungen ebenso spekulativ bleiben wie die entsprechenden Versuche bei anderen mythischen Stationen der Odyssee.

Die zentralen Merkmale der Laistrygonen in der Odyssee

  • Kollektive Organisation: Anders als der isolierte Polyphem treten die Laistrygonen als geordnetes Volk mit König Antiphates auf
  • Kannibalismus ohne List oder Zauberkraft: Ihre Bedrohung beruht auf roher Gewalt und schierer Überzahl, nicht auf Magie
  • Geographische Falle: Der trügerisch sichere Hafen von Telepylos wird durch die Topographie selbst zur tödlichen Bedrohung
  • Riesenhafte Gestalt: Sowohl König Antiphates als auch seine Gemahlin werden als bergesgroß beschrieben
  • Fehlende individuelle Konfrontation: Anders als bei Polyphem gibt es keine direkte, listenreiche Auseinandersetzung, sondern nur Flucht

Diese Kombination aus kollektiver Bedrohung, fehlender Verhandlungsmöglichkeit und geographischer Falle macht die Laistrygonen zu einer der unmittelbarsten und am wenigsten überwindbaren Gefahren der gesamten Odyssee.

Aspekt Beschreibung Folge
Der Hafen von Telepylos Eng, von Felsen umschlossen, scheinbar sicher Wird zur tödlichen Falle für elf Schiffe
Die drei Kundschafter Treffen auf König Antiphates Einer wird sofort verspeist
Der Angriff der Laistrygonen Felsbrocken von den Klippen, koordinierter Angriff Zerstörung von elf Schiffen
Odysseus‘ eigenes Schiff Außerhalb des Hafens vertäut Einziges überlebendes Schiff der Flotte
Gesamtverlust Elf von zwölf Schiffen samt Besatzung Schwerste Verlustzahl der gesamten Irrfahrt

Die Bedeutung der Laistrygonen für die Gesamtstruktur der Odyssee

Die Laistrygonen-Episode markiert einen entscheidenden erzählerischen Wendepunkt innerhalb der gesamten Odyssee, da sie die Größe der Flotte des Odysseus von zwölf auf ein einziges Schiff reduziert. Diese drastische Verkleinerung der Mannschaft ist erzähltechnisch notwendig, um die folgenden Episoden – die Begegnung mit Kirke, die Fahrt durch die Unterwelt, die Sirenen, Skylla und Charybdis sowie schließlich Thrinakia – auf eine überschaubare, dem Leser vertraute Kerngruppe von Gefährten zu konzentrieren, deren einzelne Mitglieder zumindest ansatzweise als Individuen wahrgenommen werden können, allen voran der später so bedeutsame Eurylochos.

Zugleich steht die Episode in einem bemerkenswerten thematischen Kontrast zur unmittelbar vorangegangenen Begegnung mit Aiolos, bei der die Neugier und der Ungehorsam der Gefährten – das eigenmächtige Öffnen des Windsacks – die Flotte erneut vom sicheren Kurs abbringt. Bei den Laistrygonen hingegen liegt die Ursache der Katastrophe nicht im individuellen Fehlverhalten der Mannschaft, sondern in einer kollektiven Fehleinschätzung der geographischen Lage, der lediglich Odysseus selbst durch seine persönliche Vorsicht entgeht. Diese Verschiebung der Verantwortung von individuellem Ungehorsam zu kollektivem Irrtum verleiht der Episode eine bedrückende, fast schicksalhafte Note, die sie von anderen, stärker moralisch aufgeladenen Stationen der Irrfahrt unterscheidet.

Die Laistrygonen-Episode: Ablauf einer Katastrophe

Ablauf der Ereignisse

Ankunft in Telepylos – elf Schiffe im Hafen, eines außerhalb
Erkundung durch drei Kundschafter – Begegnung mit König Antiphates
Angriff der Laistrygonen – Felsbrocken zerstören elf Schiffe
Flucht des Odysseus – einziges Schiff entkommt

Folge für die Odyssee

Von zwölf Schiffen bleibt nur eines übrig – die Mannschaft für die restliche Irrfahrt wird radikal reduziert

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zu den Laistrygonen in der Odyssee

Wer waren die Laistrygonen?

Die Laistrygonen waren ein Volk riesenhafter, kannibalischer Wesen, das Odysseus im zehnten Gesang der Odyssee in ihrer Hauptstadt Telepylos begegnete. Angeführt von König Antiphates griffen sie die Flotte des Odysseus mit Felsbrocken an und verschlangen die schiffbrüchigen Seeleute.

Wie viele Schiffe verlor Odysseus bei den Laistrygonen?

Elf der zwölf Schiffe des Odysseus wurden im Hafen von Telepylos vollständig zerstört, mitsamt ihrer gesamten Besatzung. Nur das Schiff des Odysseus selbst, das vorsichtshalber außerhalb des engen Hafens vertäut worden war, entkam der Katastrophe.

Warum überlebte nur das Schiff des Odysseus?

Odysseus hatte sein Schiff, anders als die übrigen elf Kapitäne, nicht in den engen, von Felsen umschlossenen Hafen gesteuert, sondern außerhalb an einem Felsen vertäut. Als der Angriff begann, konnte er das Tau durchtrennen und mit seiner Mannschaft rechtzeitig fliehen, während die übrigen Schiffe in der Bucht eingeschlossen waren.

Welche Bedeutung hat die Laistrygonen-Episode für die Odyssee?

Die Episode reduziert die Flotte des Odysseus von zwölf auf ein einziges Schiff und ist damit das verlustreichste Einzelereignis der gesamten Irrfahrt. Diese drastische Verkleinerung konzentriert die folgenden Abenteuer auf eine überschaubare Kerngruppe von Gefährten, deren Schicksal der Leser in den späteren Episoden genauer verfolgen kann.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf der primären Quelle des zehnten Gesangs der Odyssee Homers, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Altphilologie und der Homer-Forschung. Die Angaben spiegeln den aktuellen Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung wider. Alle Angaben ohne Gewähr.

Stand der Informationen: Juni 2026