Carna: Römische Göttin des Herzens und der inneren Organe

Carna war die römische Göttin des Herzens und der inneren OrganeDie Römer verehrten nicht nur große Götter wie Jupiter, Juno oder Mars, sondern auch eine Vielzahl kleiner Gottheiten, die über ganz bestimmte Bereiche des Lebens wachten. Eine der eigentümlichsten unter ihnen ist Carna, die römische Göttin des Herzens und der inneren Organe. Zu ihr betete man, damit Leber, Herz und Eingeweide gesund blieben, und an ihrem Festtag, dem ersten Juni, aß man einen kräftigen Brei aus Bohnen und Speck. Die römische Göttin Carna gehört damit zu jenen Gestalten der römischen Mythologie, die weniger durch große Erzählungen als durch ihren engen Bezug zum Alltag und zum menschlichen Körper auffallen – eine römische Göttin, die buchstäblich unter die Haut ging.

Die Quellen über Carna sind spärlich. Im Wesentlichen sind es zwei Autoren, die von ihr berichten: der spätantike Gelehrte Macrobius, der ihre Zuständigkeit und ihren Kult beschreibt, und der Dichter Ovid, der in seinem Festkalender eine farbige Geschichte über sie erzählt – allerdings unter Vermischung mit einer anderen Göttin. Dieser Beitrag stellt Carna und ihren Festtag vor, erzählt Ovids Geschichte von der Nymphe Crane und den gefährlichen Nachtvögeln und fragt, was sich hinter der Verbindung von Herz, Türangel und Schutzzauber verbirgt.

Wer war die römische Göttin Carna?

Der Name Carna leitet sich vom lateinischen Wort caro, carnis für Fleisch ab und verweist unmittelbar auf ihre Zuständigkeit für den Körper. Nach Macrobius, der um das Jahr 400 nach Christus in seinen Saturnalien zahlreiche altrömische Bräuche erläuterte, stand Carna den lebenswichtigen Organen des Menschen vor. Man bat sie, Leber, Herz und die übrigen Eingeweide gesund zu erhalten. Carna gehört damit zu jener Gruppe von Gottheiten, die die Forschung seit dem Religionswissenschaftler Hermann Usener als Sondergötter bezeichnet: Gottheiten mit eng umrissenen Aufgaben, die oft nur einen einzigen Vorgang oder Lebensbereich betreuten. Die römische Mythologie kannte zahlreiche solcher Gestalten, etwa für das Keimen der Saat oder für die ersten Schritte eines Kindes, und Carna wachte in diesem System über das Innere des menschlichen Leibes.

Besonders bedeutsam war für die Römer das Herz, das sie nicht nur als Organ, sondern als Sitz des Verstandes und der Klugheit ansahen. Noch das lateinische Wort cordatus, wörtlich „mit Herz versehen“, bedeutete „klug“ oder „besonnen“. Macrobius verbindet diese Vorstellung mit einer berühmten Gestalt der römischen Frühgeschichte: Lucius Junius Brutus, der der Überlieferung nach die Könige aus Rom vertrieb und die Republik begründete. Brutus hatte sich lange dumm gestellt, um der Verfolgung durch König Tarquinius zu entgehen – daher sein Beiname, der „der Stumpfsinnige“ bedeutet. Nach dem Sturz der Könige erfüllte er ein Gelübde und weihte Carna, der Göttin des Herzens und damit des wahren Verstandes, am ersten Juni ein Heiligtum auf dem Caelius, einem der sieben Hügel Roms.

  • Name – Von lateinisch caro, carnis, „Fleisch“.
  • Zuständigkeit – Herz, Leber und die übrigen inneren Organe.
  • Festtag – Die Kalenden des Juni, also der erste Juni.
  • Heiligtum – Auf dem Caelius, nach der Überlieferung von Brutus geweiht.
  • Opfergabe – Brei aus Bohnen und Speck als kräftigende Speise.

Die Kalenden des Juni: Bohnen und Speck

Der erste Juni, im römischen Kalender die Kalenden des Juni, war der Festtag der Göttin Carna. Nach Macrobius nannte man ihn auch die Bohnenkalenden, weil an diesem Tag der Göttin ein Brei aus Bohnen und Speck dargebracht wurde. Diese Speisen galten als besonders kräftigend für den Körper und passten daher gut zu einer Göttin, die über die Gesundheit der inneren Organe wachte. Auch Ovid berichtet in seinem Festkalender, man esse an diesem Tag fetten Speck und Bohnenbrei, und wer dies tue, dem könnten die Eingeweide keinen Schaden nehmen. Der Brauch zeigt, wie eng in der römischen Religion Opfer, Speise und Gesundheitsvorsorge miteinander verbunden waren. Was die Menschen der römischen Göttin des Herzens darbrachten, nahmen sie zugleich selbst zu sich – in der Hoffnung, damit ihr eigenes Inneres zu stärken.

Der Schutzzauber für den kleinen Proca

1. Angriff der Striges – Nachtvögel fallen über das Kind in der Wiege her
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2. Der Hilferuf – die Amme wendet sich an die Göttin
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3. Berührung der Türpfosten – dreimal mit einem Zweig des Erdbeerbaums, dazu Wasser auf die Schwelle
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4. Das Ersatzopfer – die Eingeweide eines jungen Ferkels: „Herz für Herz“
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5. Weißdorn am Fenster – Schutz gegen die Rückkehr der Vögel
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6. Die Genesung – das Kind erlangt seine frische Farbe zurück

Nach Ovid, Fasten, Buch 6 – die Göttin trägt dort die Züge von Carna und der Türgöttin Cardea

Ovids Erzählung: Carna, Cardea und die Nymphe Crane

Weit ausführlicher als Macrobius erzählt Ovid im sechsten Buch seiner Fasten, einem Gedicht über den römischen Festkalender, von der Göttin des ersten Juni. Seine Geschichte beginnt mit der Nymphe Crane, die im Hain des Helernus am Tiber lebte und alle Verehrer abwies. Wollte ein junger Mann ihr nachstellen, bat sie ihn, in eine Höhle vorauszugehen, und verschwand dann im Gebüsch. Nur bei Janus, dem doppelgesichtigen Gott der Tore und Übergänge, misslang die List, denn er sah mit seinem zweiten Gesicht, wohin sie sich verbarg. Als Entschädigung verlieh er ihr die Macht über die Türangeln und schenkte ihr einen Zweig vom Weißdorn, mit dem sie Unheil von den Türen abwehren konnte. Ovid widmet den ersten Juni ausdrücklich Carna, bezeichnet sie aber zugleich als Göttin der Türangel – und verbindet sie so mit Cardea, deren Name von cardo, der Angel, abgeleitet ist.

Mit dieser Macht rettete die römische Göttin der Herzens Carna später ein Kind. Proca, der künftige König von Alba Longa, lag als Säugling in seiner Wiege, als die Striges über ihn herfielen, gefährliche Nachtvögel, die kleinen Kindern das Blut aussaugen und ihre Eingeweide rauben sollten. Das Kind wurde blass und schwach, und seine Amme rief die Göttin um Hilfe. Diese berührte dreimal die Türpfosten mit einem Zweig des Erdbeerbaums, besprengte die Schwelle mit Wasser und hielt die Eingeweide eines jungen Ferkels empor. Dabei sprach sie zu den Vögeln, sie sollten Herz für Herz und Eingeweide für Eingeweide nehmen und das Kind verschonen. Das Opfertier ließ sie unter freiem Himmel liegen, den Weißdornzweig steckte sie ins Fenster. Von da an kehrten die Vögel nicht zurück, und das Kind erlangte seine frische Farbe wieder.

Aspekt Darstellung Quelle
Zuständigkeit Herz, Leber und innere Organe Macrobius, Saturnalien
Herz als Sitz des Verstandes Verbindung mit Brutus, dem scheinbar Stumpfsinnigen Macrobius, Saturnalien
Heiligtum Auf dem Caelius, von Brutus geweiht Macrobius, Saturnalien
Festtag Kalenden des Juni, Brei aus Bohnen und Speck Macrobius, Ovid
Nymphe Crane Von Janus überlistet, erhält Macht über die Türangeln Ovid, Fasten
Schutzzauber für Proca Ersatzopfer „Herz für Herz“ gegen die Striges Ovid, Fasten
Weißdorn und Erdbeerbaum Pflanzen zur Abwehr von Unheil an Türen Ovid, Fasten

Zwei Göttinnen in einer?

Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass Ovid zwei ursprünglich verschiedene Göttinnen miteinander verschmolzen hat: Carna, die Göttin des Fleisches und der inneren Organe, und Cardea, die Göttin der Türangeln. Die Namen klingen ähnlich, und beide Gottheiten hatten mit Schutz zu tun – die eine mit dem Schutz des Körperinneren, die andere mit dem Schutz des Hauses an seiner verletzlichsten Stelle, der Tür. Ovid verband beide geschickt in einer Erzählung, in der die Türgöttin ausgerechnet die Eingeweide eines Kindes vor Angreifern bewahrt. Für seine Leser ergab sich daraus ein schlüssiges Bild: Wer Schwelle und Körper zugleich schützt, hält das Böse von außen wie von innen fern. Ob diese Verbindung bereits im römischen Volksglauben bestand oder erst ein Werk des Dichters war, lässt sich nicht sicher entscheiden.

Die Göttin Carna und das Nachleben

Mit dem Ende der römischen Religion geriet die Göttin der herzens und der inneren Organe Carna weitgehend in Vergessenheit; Bildwerke oder Inschriften, die sie sicher darstellen, sind nicht bekannt. Fortgelebt haben jedoch einige Motive aus ihrem Umfeld. Die Striges, jene Nachtvögel aus Ovids Erzählung, wurden zu Vorläufern späterer Hexenvorstellungen, und ihr Name lebt im italienischen Wort strega für Hexe fort. Auch die Vorstellung vom Herzen als Sitz von Verstand und Gefühl prägt unsere Sprache bis heute, etwa wenn wir einen Rat beherzigen oder uns etwas zu Herzen nehmen. So steht Carna beispielhaft für die vielen kleinen Gottheiten der römischen Religion, die kaum Mythen besaßen, aber eng mit dem Alltag der Menschen verbunden waren – mit ihrem Körper, ihrer Gesundheit und den einfachen Speisen, mit denen sie ihr Inneres zu stärken hofften.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zur römischen Göttin des Herzens Carna

Wer war die Göttin Carna?

Carna war eine römische Göttin, die nach Macrobius über die lebenswichtigen inneren Organe wachte, vor allem über Herz und Leber. Ihr Name leitet sich von lateinisch caro, „Fleisch“, ab. Sie gehört zu den sogenannten Sondergöttern der römischen Religion, die für eng umrissene Lebensbereiche zuständig waren.

Wann wurde Carna gefeiert?

Der Festtag der Carna war der erste Juni, die Kalenden des Juni. Nach der Überlieferung weihte Lucius Junius Brutus ihr an diesem Tag nach der Vertreibung der Könige ein Heiligtum auf dem Caelius in Rom.

Warum aß man am Festtag der Carna Bohnen und Speck?

Bohnen und Speck galten als besonders kräftigende Speisen für den Körper. Man brachte der Göttin einen Brei daraus dar und aß ihn auch selbst, weil man glaubte, dass dies die inneren Organe vor Schaden bewahre. Deshalb hieß der erste Juni auch Bohnenkalenden.

Was ist der Unterschied zwischen Carna und Cardea?

Carna war ursprünglich die Göttin der inneren Organe, Cardea die Göttin der Türangeln. Der Dichter Ovid verschmolz beide in seinen Fasten zu einer Gestalt, die als Nymphe Crane von Janus die Macht über die Türangeln erhält und das Kind Proca vor den Nachtvögeln schützt. Die meisten Forscher halten sie für ursprünglich verschiedene Göttinnen.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf den wenigen antiken Quellen zur Göttin Carna, insbesondere den Saturnalien des Macrobius und dem sechsten Buch der Fasten des Ovid, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der römischen Religionsgeschichte, darunter die Forschungen zu den sogenannten Sondergöttern. Die Quellenlage ist ausgesprochen dünn, und das Verhältnis zwischen Carna und Cardea wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Alle Angaben ohne Gewähr.

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Stand der Informationen: Juni 2026