Eintracht war für die Römer weit mehr als ein freundliches Miteinander. Sie galt als Fundament des Staates, als Voraussetzung dafür, dass eine Gemeinschaft aus Patriziern und Plebejern, Senatoren und Rittern, Kaisern und Soldaten nicht an ihren inneren Gegensätzen zerbrach. Deshalb verehrten sie diese Tugend als Gottheit: Concordia. Die Göttin Concordia war im antiken Rom die Göttin der Eintracht und Harmonie, und ihr Tempel stand an einem der prominentesten Orte der Stadt, am Fuß des Kapitols mit Blick auf das Forum. Dort versammelte sich der Senat in Krisenzeiten, dort sollten Streit und Spaltung überwunden werden – und dort zeigte sich immer wieder, wie zerbrechlich die beschworene Einigkeit tatsächlich war.
Concordia gehört zu jenen Gottheiten der römischen Mythologie, die keine große Göttergeschichte erzählen, sondern einen Wert verkörpern. Gerade darin liegt ihre Bedeutung: An ihr lässt sich ablesen, welche Ideale die Römer hochhielten und wie eng Religion und Politik in ihrer Welt verflochten waren. Dieser Beitrag erklärt, was der Name der römischen Göttin bedeutet, erzählt die bewegte Geschichte ihres Tempels von der Beilegung der Ständekämpfe bis zur Kaiserzeit, beschreibt ihre Rolle im Kaiserreich und zeigt, wo die Göttin der Eintracht bis heute fortlebt – von Siena bis zum Holstentor in Lübeck.
Name und Bedeutung
Der Name Concordia setzt sich aus der lateinischen Vorsilbe con-, „zusammen“, und cor, „Herz“, zusammen. Wörtlich bezeichnet er also einen Zustand, in dem Menschen „eines Herzens“ sind – ganz ähnlich wie das deutsche Wort Eintracht ursprünglich ein gemeinsames Trachten und Streben meinte. Concordia war damit eine Personifikation: eine Gottheit, die eine abstrakte Kraft verkörperte, wie Fides die Treue, Pax den Frieden oder Salus das Wohl. Ihre griechische Entsprechung war Homonoia, die Göttin der Einmütigkeit. Als Gegenspielerin galt Discordia, die Zwietracht, die der griechischen Eris entsprach. Für die Römer bedeutete Concordia vor allem politische Eintracht: das Zusammenwirken der Stände, Familien und Gruppen, ohne das ein Staat nicht bestehen konnte.
Dargestellt wurde die römische Göttin Concordia als würdevolle Frau in langem Gewand, oft sitzend, mit einer Opferschale in der Hand, der Patera, und einem Füllhorn als Zeichen des Wohlstands, den die Eintracht hervorbringt. Gelegentlich trägt sie einen Heroldstab oder einen Olivenzweig. Ihr bekanntestes Symbol aber sind zwei ineinandergelegte rechte Hände, die sich die Treue versprechen. Dieses Bild der verbundenen Hände erscheint auf zahlreichen römischen Münzen, häufig mit Aufschriften wie Concordia Augustorum, der Eintracht der Kaiser, oder Concordia militum, der Eintracht der Soldaten. Die Münzen dienten als Botschaften an das ganze Reich: Sie verkündeten, dass Herrscher, Heer und Volk in Harmonie verbunden seien – besonders dann, wenn diese Einheit in Wirklichkeit gefährdet war.
- Name – Von lateinisch con-, „zusammen“, und cor, „Herz“: „eines Herzens sein“.
- Bedeutung – Eintracht und Harmonie, vor allem im politischen Zusammenleben.
- Attribute – Opferschale, Füllhorn, Heroldstab oder Olivenzweig.
- Symbol – Zwei verbundene rechte Hände als Zeichen der Einigkeit.
- Entsprechungen – Griechisch Homonoia; Gegenspielerin ist Discordia.
Der Tempel der Concordia am Forum
Die Geschichte ihres wichtigsten Heiligtums beginnt nach der Überlieferung im Jahr 367 vor Christus. Damals stand Rom am Ende eines langen Konflikts zwischen Patriziern und Plebejern, der sogenannten Ständekämpfe. Mit den Licinisch-Sextischen Gesetzen erhielten die Plebejer erstmals Zugang zum Konsulat, dem höchsten Amt der Republik. Der Feldherr Marcus Furius Camillus soll in dieser Lage gelobt haben, Concordia einen Tempel zu errichten, wenn die Eintracht zwischen den Ständen wiederhergestellt werde. Das Heiligtum entstand am nordwestlichen Ende des Forums, am Hang des Kapitols. Ob diese Gründungsgeschichte in allen Einzelheiten zutrifft, ist in der Forschung umstritten, doch sie zeigt, wofür der Tempel in der römischen Erinnerung stand: für die Versöhnung einer gespaltenen Bürgerschaft.
Seine weitere Geschichte war von bitterer Ironie geprägt. Im Jahr 121 vor Christus wurde der Reformer Gaius Gracchus mit Tausenden seiner Anhänger in blutigen Unruhen getötet. Der Konsul Lucius Opimius, der für das Vorgehen verantwortlich war, ließ den Tempel der Göötin Concordia anschließend prächtig erneuern. Nach Plutarch schrieb daraufhin jemand an den Tempel, ein Werk der Zwietracht habe hier einen Tempel der Eintracht geschaffen. Rund sechzig Jahre später, im Dezember 63 vor Christus, tagte der Senat im Concordiatempel, als Cicero gegen die Verschwörer um Catilina sprach und über deren Schicksal beraten wurde. Der Ort der Eintracht war damit immer wieder Schauplatz der schwersten inneren Krisen der Republik – und gerade deshalb ein Symbol für die Hoffnung, sie zu überwinden.
Der Prachtbau des Tiberius
Seine glanzvollste Gestalt erhielt der Tempel unter dem späteren Kaiser Tiberius, der ihn von Grund auf neu errichten ließ und im Jahr 10 nach Christus als Tempel der Concordia Augusta weihte – nach Ovid an einem 16. Januar. Der Bau war ungewöhnlich angelegt, breiter als tief, und mit kostbarem Marmor verkleidet. Er diente zugleich als eine Art Museum: Plinius der Ältere berichtet von zahlreichen berühmten griechischen Gemälden und Statuen, die dort aufgestellt waren. Auch der Senat versammelte sich weiterhin in seinen Räumen. Heute sind von dem einst prachtvollen Tempel nur noch Teile des Unterbaus am Fuß des Kapitols erhalten, unterhalb der Reste des Tabulariums, doch erhaltene Fragmente seines reich verzierten Gebälks lassen die einstige Pracht noch erahnen.
Die Geschichte des Concordiatempels am Forum
Gelübde des Camillus nach dem Ende der Ständekämpfe (Überlieferung)
Kleiner Bronzeschrein der Concordia am Comitium durch Gnaeus Flavius
Erneuerung durch Opimius nach dem Tod des Gaius Gracchus
Senatssitzung zur Verschwörung des Catilina mit einer Rede Ciceros
Neubau und Weihe durch Tiberius als Tempel der Concordia Augusta
Reste des Unterbaus am Fuß des Kapitols, Fragmente des Gebälks erhalten
Ein Ort der Eintracht, der immer wieder Schauplatz der schwersten Krisen Roms war
Die Göttin Concordia im Kaiserreich
Mit dem Beginn der Kaiserzeit veränderte sich die Bedeutung der Göttin. Concordia stand nun weniger für den Ausgleich zwischen den Ständen als für die Harmonie innerhalb der kaiserlichen Familie und zwischen Herrscher, Heer und Volk. Livia, die Gemahlin des Augustus, weihte Concordia einen Schrein in der nach ihr benannten Säulenhalle und verband die Göttin damit mit der ehelichen Eintracht. Auf Münzen erscheinen später Kaiser und Kaiserin mit verbundenen Händen unter dem Schutz der Concordia, und wenn zwei Kaiser gemeinsam regierten, wie Marcus Aurelius und Lucius Verus, beschwor die Prägung Concordia Augustorum ihre Einmütigkeit. Gerade in Zeiten von Bürgerkriegen und Thronstreitigkeiten wurde die Göttin der Eintracht und Harmonie häufig angerufen – ein Zeichen dafür, wie sehr die Eintracht beschworen werden musste, weil sie so oft fehlte.
| Aspekt | Bedeutung | Beleg und Wirkung |
|---|---|---|
| Eintracht der Stände | Versöhnung von Patriziern und Plebejern | Tempelgelübde des Camillus 367 v. Chr. |
| Eintracht im Senat | Versammlungsort in Krisenzeiten | Senatssitzung zur Catilinarischen Verschwörung 63 v. Chr. |
| Concordia Augusta | Harmonie des Kaiserhauses | Neubau des Tempels durch Tiberius 10 n. Chr. |
| Eheliche Eintracht | Harmonie zwischen Ehepartnern | Schrein der Livia, Münzen mit dem Kaiserpaar |
| Concordia militum | Treue und Einigkeit des Heeres | Münzen mit verbundenen Händen |
| Concordia Augustorum | Einmütigkeit von Mitkaisern | Prägungen unter Marcus Aurelius und Lucius Verus |
| Gegenspielerin Discordia | Zwietracht als Bedrohung des Staates | Spottinschrift nach dem Tod des Gaius Gracchus |
Die römische Göttin Concordia in Kunst und Nachleben
Das Ideal der Eintracht überdauerte das Ende der römischen Religion. Im mittelalterlichen Siena malte Ambrogio Lorenzetti um 1338 im Rathaus seine berühmte Allegorie der guten Regierung, in der Concordia einen großen Hobel auf dem Schoß trägt – ein Sinnbild für den Ausgleich unter den Bürgern – und Seile an die Ratsherren weiterreicht, die sie mit der Gerechtigkeit verbinden. Auf Sizilien trägt einer der am besten erhaltenen griechischen Tempel der Welt, im Tal der Tempel von Agrigent, den Namen Concordiatempel, obwohl er mit der Göttin nichts zu tun hat: Der Name geht auf eine in der Nähe gefundene lateinische Inschrift zurück und wurde dem Bau erst in der Neuzeit gegeben. Auch in Ortsnamen lebt sie fort, etwa im italienischen Concordia Sagittaria, der antiken römischen Kolonie Iulia Concordia.
In Deutschland begegnet man der Göttin der Eintracht und Harmonie an einem besonders bekannten Ort: Über dem Lübecker Holstentor steht die lateinische Inschrift „Concordia domi foris pax“ – „Eintracht innen, draußen Frieden“. In Paris wurde der zentrale Platz der Revolution nach der Schreckensherrschaft in Place de la Concorde umbenannt, als Zeichen der Versöhnung. Das Überschallflugzeug Concorde erhielt seinen Namen als Sinnbild der Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Großbritannien, und die französisch-italienische Forschungsstation Concordia in der Antarktis knüpft an dasselbe Ideal an. Selbst Begriffe wie Konkordat, ein Vertrag zwischen Staat und Kirche, gehen auf dieselbe Wurzel zurück. So lebt die römische Göttin der Eintracht und Harmonie bis heute überall dort fort, wo Menschen ihre Gegensätze überwinden und gemeinsam handeln wollen.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zur Göttin der Eintracht und Harmonie Concordia
Wer war die Göttin Concordia?
Concordia war im antiken Rom die Göttin der Eintracht und Harmonie. Ihr Name bedeutet wörtlich „eines Herzens sein“. Als Personifikation verkörperte sie vor allem die politische Einigkeit von Ständen, Familien, Heer und Kaiserhaus. Ihre griechische Entsprechung war Homonoia, ihre Gegenspielerin Discordia.
Wo stand der Tempel der Concordia?
Der wichtigste Tempel der Concordia stand am nordwestlichen Ende des Forum Romanum am Fuß des Kapitols. Nach der Überlieferung wurde er 367 vor Christus von Camillus gelobt, 121 vor Christus von Opimius erneuert und unter Tiberius im Jahr 10 nach Christus prachtvoll neu errichtet. Heute sind Reste seines Unterbaus erhalten.
Was bedeuten die verbundenen Hände auf römischen Münzen?
Zwei ineinandergelegte rechte Hände waren das bekannteste Symbol der Concordia. Auf Münzen mit Aufschriften wie Concordia militum oder Concordia Augustorum verkündeten sie die Einigkeit von Heer, Kaisern oder Kaiserpaar – oft gerade dann, wenn diese Einheit politisch bedroht war.
Was bedeutet „Concordia domi foris pax“?
Die lateinische Inschrift bedeutet „Eintracht innen, draußen Frieden“. Sie steht über dem Holstentor in Lübeck und greift das römische Ideal der Concordia auf: Wer im Inneren einig ist, kann auch nach außen Frieden wahren. Damit lebt die Göttin der Eintracht bis heute in Deutschland fort.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf antiken Quellen wie Livius, Ovids Fasten, den Lebensbeschreibungen Plutarchs, den Reden Ciceros und der Naturalis historia Plinius‘ des Älteren sowie auf numismatischen Zeugnissen und archäologischen Befunden vom Forum Romanum, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der römischen Religionsgeschichte. Die Gründungsgeschichte des Tempels durch Camillus wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Stand der Informationen: Juni 2026
