Discordia: Römische Göttin der Zwietracht und des Streites

Discordia war die römische Göttin der Zwietracht und des StreitesWo Concordia für Eintracht und Harmonie stand, verkörperte ihre Gegenspielerin das genaue Gegenteil: Discordia, die Zwietracht. Sie war die Macht, die Freunde entzweite, Familien spaltete und Bürger gegeneinander aufbrachte, bis aus Streit Krieg wurde. Die Göttin Discordia war im antiken Rom die Göttin der Zwietracht und des Streites, die römische Entsprechung der griechischen Göttin Eris, und ihr berühmtester Auftritt ist zugleich einer der folgenreichsten der gesamten antiken Mythologie: Mit einem goldenen Apfel, den sie unter die Gäste einer Götterhochzeit warf, löste sie eine Kette von Ereignissen aus, die schließlich im Trojanischen Krieg mündete. Bis heute erinnert das Wort Zankapfel an diese Geschichte.

Anders als Concordia besaß die römische Göttin Discordia im antiken Rom weder einen Tempel noch ein Fest. Niemand bat sie um Beistand – man fürchtete sie und hoffte, sie fernzuhalten. Umso lebendiger war sie in der Dichtung, wo sie mit Schlangenhaar und zerrissenem Gewand durch Schlachtfelder und Bürgerkriege zog. Dieser Beitrag stellt die römische Göttin vor, erklärt ihr griechisches Vorbild Eris, erzählt die Geschichte des Zankapfels, verfolgt ihre Auftritte bei Vergil und anderen Dichtern und zeigt, warum Zwietracht für die Römer als eine der größten Gefahren für den Staat galt – und wie Discordia bis heute fortlebt, sogar am Rand unseres Sonnensystems.

Name, Wesen und griechisches Vorbild

Der Name Discordia ist das genaue Gegenstück zu Concordia. Er verbindet die lateinische Vorsilbe dis-, „auseinander“, mit cor, „Herz“, und bezeichnet damit einen Zustand, in dem die Herzen getrennt sind. Discordia war eine Personifikation, also die göttliche Verkörperung einer abstrakten Kraft. Im Unterschied zu vielen anderen Personifikationen wie Concordia, Fides oder Pax wurde sie jedoch nicht verehrt. Die Römer errichteten Tempel für jene Kräfte, deren Wirken sie herbeiwünschten; eine Göttin der Zwietracht gehörte nicht dazu. Discordia existierte daher vor allem in der Vorstellungswelt der Dichter und Gelehrten, als Sinnbild jener zerstörerischen Macht, die eine Gemeinschaft von innen heraus zersetzen konnte. Ihr Wesen übernahmen die Römer weitgehend von der griechischen Göttin Eris.

Eris erscheint bereits bei Homer, der sie in der Ilias als Schwester und Gefährtin des Kriegsgottes Ares beschreibt: Zunächst klein, erhebe sie sich, bis ihr Haupt den Himmel berühre, während sie über die Erde schreite. Hesiod macht sie in seiner Theogonie zu einer Tochter der Nacht und lässt sie eine ganze Reihe düsterer Kinder hervorbringen, darunter Mühsal, Vergessen, Hunger, Schmerzen, Kämpfe, Morde, Streitworte, Lügen und Gesetzlosigkeit. Bemerkenswert ist, dass Hesiod in einem anderen Werk zwei Arten der Eris unterscheidet: eine böse, die Krieg und Hader schürt, und eine gute, die die Menschen zu Wettbewerb und Fleiß anspornt, wenn etwa ein Bauer dem erfolgreichen Nachbarn nacheifert. Die Römer übernahmen vor allem die dunkle Seite dieser Gestalt.

  • Name – Von lateinisch dis-, „auseinander“, und cor, „Herz“: „getrennte Herzen“.
  • Griechisches Vorbild – Eris, Tochter der Nacht und Gefährtin des Kriegsgottes.
  • Gegenspielerin – Concordia, die römische Göttin der Eintracht.
  • Kult – Kein Tempel und kein Fest, sondern eine gefürchtete Macht.
  • Bekanntestes Symbol – Der goldene Apfel, der zum Zankapfel wurde.

Der Zankapfel: Discordia und das Urteil des Paris

Der berühmteste Mythos um die Göttin der Zwietracht Discordia beginnt mit einer Hochzeit. Als die Meeresgöttin Thetis den sterblichen Helden Peleus heiratete, waren alle Götter eingeladen – nur die Göttin der Zwietracht nicht. Gekränkt erschien sie dennoch und warf einen goldenen Apfel unter die Gäste, der die Aufschrift trug, er sei für die Schönste bestimmt. Sogleich beanspruchten ihn Juno, Minerva und Venus. Jupiter wollte den Streit nicht selbst entscheiden und übertrug das Urteil dem trojanischen Prinzen Paris. Jede Göttin versuchte, ihn mit einem Geschenk zu gewinnen, und Paris entschied sich für Venus, die ihm die schönste Frau der Welt versprach: Helena, die Gemahlin des Menelaos. Ihre Entführung nach Troja löste den Trojanischen Krieg aus. Der römische Mythograph Hyginus erzählt diese Geschichte ausdrücklich mit Discordia als Urheberin.

Die Göttin Discordia in der römischen Dichtung

Ihre eindrucksvollsten Auftritte hat die Göttin der Zwietracht und des Streites Discordia in der römischen Dichtung. Schon der frühe Dichter Ennius schilderte, wie die grässliche Discordia die eisenbeschlagenen Pforten des Krieges aufbrach – Verse, die Horaz später als Beispiel für wahrhaft dichterische Sprache zitierte. Vergil versetzt sie in seiner Aeneis an den Eingang der Unterwelt, wo sie neben anderen Schrecken wie Krankheit, Hunger und Krieg haust: die wahnsinnige Discordia, deren Schlangenhaar mit blutigen Binden umwunden ist. In der Darstellung der Schlacht von Actium auf dem Schild des Aeneas schreitet sie frohlockend in zerrissenem Gewand über das Schlachtfeld, gefolgt von der Kriegsgöttin Bellona mit blutiger Geißel. So wurde Discordia zur festen Gestalt im Gefolge des Krieges, zu einer furienhaften Macht, die Chaos und Blutvergießen genoss.

Besonders eng verband die römische Literatur die Göttin Discordia mit dem Bürgerkrieg, der größten Katastrophe der späten Republik. Im Roman Satyricon des Petronius steigt sie aus der Unterwelt empor, mit zerzaustem Haar und blutigem Antlitz, und ruft die Völker zu den Waffen, als der Krieg zwischen Caesar und Pompeius ausbricht. Auch der Dichter Lucan, der diesen Bürgerkrieg in seinem Epos Pharsalia schilderte, zeichnet ein Bild römischer Selbstzerfleischung, in dem die Zwietracht die Bande zwischen Verwandten und Mitbürgern zerreißt. Für die Römer war Discordia damit weit mehr als eine mythologische Figur: Sie verkörperte die Erfahrung, dass der gefährlichste Feind nicht vor den Toren stand, sondern in den eigenen Reihen wuchs. Diese Erkenntnis prägte das politische Denken Roms über Generationen.

Concordia und Discordia – zwei Gegenspielerinnen

Concordia

Name: „Eines Herzens“
Griechisch: Homonoia
Kult: Tempel am Forum, Feste, Münzen
Symbol: Verbundene Hände, Füllhorn
Wirkung: Kleine Dinge wachsen

Discordia ★

Name: „Getrennte Herzen“
Griechisch: Eris
Kult: Kein Tempel, nur in der Dichtung
Symbol: Goldener Apfel, Schlangenhaar, zerrissenes Gewand
Wirkung: Große Dinge zerfallen

Nach Sallust: Durch Eintracht wachsen kleine Dinge, durch Zwietracht zerfallen selbst die größten

Zwietracht als Gefahr für Rom

Wie tief diese Überzeugung verankert war, zeigt ein berühmter Satz des Geschichtsschreibers Sallust. Er lässt den numidischen König Micipsa seinen Erben einschärfen, durch Eintracht wüchsen kleine Dinge, durch Zwietracht zerfielen selbst die größten. Dieser Gedanke durchzieht die gesamte römische Geschichtsschreibung: Die Ständekämpfe zwischen Patriziern und Plebejern, die blutigen Auseinandersetzungen um die Gracchen und schließlich die Bürgerkriege galten als Werk der römischen Göttin Discordia, die den Staat an den Rand des Untergangs brachte. Bezeichnend ist eine Episode aus dem Jahr 121 vor Christus: Als der Konsul Opimius nach der Niederschlagung der Anhänger des Gaius Gracchus den Tempel der Concordia erneuern ließ, schrieb nach Plutarch jemand daran, ein Werk der Zwietracht habe einen Tempel der Eintracht geschaffen. Discordia und Concordia blieben für die Römer untrennbar aufeinander bezogen.

Quelle Darstellung der Discordia / Eris Bedeutung
Homer, Ilias Gefährtin des Ares, wächst bis an den Himmel Streit als Begleiter des Krieges
Hesiod, Theogonie Tochter der Nacht, Mutter düsterer Mächte Genealogie des Unheils
Hesiod, Werke und Tage Gute und böse Eris Wettbewerb als positive Seite des Streits
Ennius (zitiert bei Horaz) Bricht die Pforten des Krieges auf Discordia als Auslöserin des Krieges
Vergil, Aeneis Am Eingang der Unterwelt; frohlockend bei Actium Furienhafte Macht im Gefolge des Krieges
Hyginus, Fabeln Wirft den goldenen Apfel unter die Hochzeitsgäste Ursprung des Trojanischen Krieges
Petronius, Satyricon Steigt zum Bürgerkrieg aus der Unterwelt empor Sinnbild römischer Selbstzerfleischung
Sallust, Jugurthinischer Krieg Zwietracht lässt Großes zerfallen Politische Lehre für den Staat

Die römische Göttin Discordia in Kunst und Nachleben

Auch nach der Antike blieb Discordia eine beliebte Allegorie. In Ludovico Ariostos Versepos Der rasende Roland aus dem 16. Jahrhundert sucht der Erzengel Michael die Zwietracht, um sie gegen die Feinde der Christenheit einzusetzen – und findet sie mit satirischem Augenzwinkern ausgerechnet in einem Kloster unter streitenden Mönchen. Maler und Bildhauer stellten sie als wilde Frau mit Fackel, Schlangen oder Dolch dar, oft als Gegenbild zur Eintracht in Allegorien guter und schlechter Herrschaft. Am lebendigsten aber ist ihr Mythos in unserer Sprache geblieben: Das Wort Zankapfel bezeichnet bis heute einen Streitgegenstand, um den sich mehrere Parteien zanken, und geht unmittelbar auf den goldenen Apfel zurück, den die Göttin einst unter die Hochzeitsgäste warf. Im Deutschen spricht man auch vom Erisapfel.

In der Moderne hat die Göttin der Zwietracht sogar zwei ungewöhnliche Karrieren gemacht. Ende der 1950er Jahre entstand in den USA der Diskordianismus, eine bewusst parodistische Religion, die Eris beziehungsweise Discordia als Göttin des Chaos verehrt und mit ihrer Schrift Principia Discordia die Ernsthaftigkeit von Religionen und Ideologien ironisch hinterfragt. Und auch die Astronomie griff auf die Göttin zurück: Als 2005 ein großer Himmelskörper jenseits des Pluto bekannt wurde, löste er eine heftige Debatte darüber aus, was ein Planet sei, die 2006 schließlich zur Herabstufung Plutos zum Zwergplaneten führte. Passenderweise erhielt der neue Zwergplanet den Namen Eris, sein Mond den Namen Dysnomia, „Gesetzlosigkeit“, nach einer ihrer Töchter. So stiftet die Göttin des Streites selbst am Rand unseres Sonnensystems noch Zwietracht.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zur Göttin der Zwietracht und des Streites Discordia

Wer war die Göttin Discordia?

Discordia war im antiken Rom die Göttin der Zwietracht und des Streites und die römische Entsprechung der griechischen Eris. Als Personifikation verkörperte sie die zerstörerische Macht, die Freunde, Familien und Bürger entzweit. Sie galt als Gegenspielerin der Concordia, der Göttin der Eintracht.

Was ist der Unterschied zwischen Discordia und Eris?

Discordia ist die römische Entsprechung der griechischen Eris und übernahm weitgehend deren Wesen und Mythen. Während Hesiod jedoch eine gute Eris des Wettbewerbs von einer bösen Eris des Krieges unterschied, griffen die Römer vor allem die dunkle Seite auf und verbanden Discordia besonders mit Krieg und Bürgerkrieg.

Was hat Discordia mit dem Zankapfel zu tun?

Weil sie nicht zur Hochzeit von Peleus und Thetis eingeladen war, warf Discordia einen goldenen Apfel für die Schönste unter die Gäste. Den Streit zwischen Juno, Minerva und Venus entschied Paris zugunsten der Venus, was zur Entführung Helenas und zum Trojanischen Krieg führte. Daher stammt das Wort Zankapfel.

Wurde Discordia im antiken Rom verehrt?

Nein. Anders als Concordia besaß Discordia weder Tempel noch Fest, denn die Römer verehrten nur jene Kräfte, deren Wirken sie herbeiwünschten. Discordia lebte vor allem in der Dichtung fort, etwa bei Ennius, Vergil und Petronius, als gefürchtete Macht im Gefolge von Krieg und Bürgerkrieg.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf antiken Quellen der griechischen und römischen Literatur, insbesondere Homers Ilias, Hesiods Theogonie sowie Werke und Tage, den bei Horaz überlieferten Versen des Ennius, Vergils Aeneis, den Fabeln des Hyginus, dem Satyricon des Petronius, Lucans Pharsalia, Sallusts Jugurthinischem Krieg und Plutarchs Lebensbeschreibungen, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der römischen Religions- und Literaturgeschichte. Da Discordia keinen Kult besaß, beruht ihr Bild fast ausschließlich auf literarischen Zeugnissen. Alle Angaben ohne Gewähr.

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Stand der Informationen: Juni 2026