Wenn im Spätsommer die Äpfel an den Zweigen reifen, Birnen schwer an den Ästen hängen und Pflaumen ihre dunkle Farbe annehmen, dann ist die Zeit jener Göttin gekommen, die die Römer Pomona nannten. Die Göttin Pomona war in der römischen Mythologie die Hüterin der Baumfrüchte und Obstgärten, eine Gottheit, die nicht über Krieg oder Herrschaft wachte, sondern über die geduldige Arbeit des Gärtners: das Pflanzen, Veredeln und Beschneiden der Bäume und die Ernte ihrer Früchte. Anders als viele römische Götter besaß sie keine griechische Entsprechung, sondern war eine ganz und gar italische Gestalt, tief verwurzelt in der bäuerlichen Welt des alten Latium.
Bekannt geworden ist Pomona vor allem durch eine Liebesgeschichte. Der Dichter Ovid erzählt in seinen Metamorphosen, wie der wandlungsfähige Gott Vertumnus in immer neuen Verkleidungen um die spröde Gartennymphe wirbt, bis er schließlich ihr Herz gewinnt. Diese Erzählung hat Maler und Bildhauer über Jahrhunderte inspiriert und Pomona zu einer der bekanntesten Gestalten der römischen Mythologie gemacht, obwohl ihr Kult eher bescheiden war. Dieser Beitrag stellt die römische Göttin vor, beleuchtet ihren Platz in der Religion Roms, erzählt die Geschichte von Vertumnus und Pomona und zeigt, wo ihr Name bis heute fortlebt.
Wer war die römische Göttin Pomona?
Der Name Pomona leitet sich vom lateinischen Wort pomum ab, das nicht nur den Apfel, sondern allgemein die Frucht eines Baumes bezeichnete – von der Birne über die Pflaume bis zur Feige. Pomona war damit die Göttin der Baumfrüchte schlechthin. Ihre Zuständigkeit unterschied sie von verwandten Gottheiten wie Ceres, die über das Getreide wachte, oder Flora, der Göttin der Blüten. Pomona stand für den Obstgarten als kultivierten Raum, in dem der Mensch durch Pflege und Kunstfertigkeit die Natur lenkt. Bemerkenswert ist, dass sie keine Entsprechung im griechischen Götterhimmel besaß. Während die Römer viele ihrer großen Götter mit griechischen gleichsetzten, blieb Pomona eine eigenständige italische Gottheit, die aus den Bedürfnissen einer bäuerlichen Gesellschaft hervorgegangen war.
Die römischen Göttin der Baumfrüchte Pomona besaß einen eigenen Priester, den Flamen Pomonalis. Er gehörte zu den zwölf sogenannten kleineren Flamines, den Priestern einzelner Gottheiten, und stand nach dem antiken Lexikographen Festus an letzter Stelle ihrer Rangordnung – weil Pomona, wie Festus erklärt, über die geringsten Früchte des Feldes wachte. Ein heiliger Hain der Göttin, das Pomonal, lag rund zwölf Meilen außerhalb Roms an der Straße nach Ostia. Ein eigenes Fest der Pomona ist in den erhaltenen römischen Kalendern dagegen nicht verzeichnet. Die oft wiederholte Behauptung, die Römer hätten ihr am 1. November ein Erntefest gefeiert, aus dem später Halloween-Bräuche wie das Apfeltauchen hervorgegangen seien, lässt sich in den antiken Quellen nicht belegen und geht auf neuzeitliche Vermutungen zurück.
- Name – Von lateinisch pomum, „Baumfrucht“.
- Zuständigkeit – Obstbäume, Obstgärten, Veredelung und Ernte.
- Attribut – Das Gartenmesser, mit dem sie Bäume beschneidet und veredelt.
- Priester – Der Flamen Pomonalis, einer der zwölf kleineren Flamines.
- Heiliger Hain – Das Pomonal an der Straße von Rom nach Ostia.
Pomona bei Ovid: Die Nymphe im Obstgarten
Ein lebendiges Bild der römischen Göttin Pomona zeichnet Ovid im vierzehnten Buch seiner Metamorphosen. Er beschreibt die Göttin der Baumfrüchte als Nymphe aus Latium, die zur Zeit des Königs Proca von Alba Longa lebte und sich keiner Beschäftigung so sehr widmete wie der Pflege der Gärten. Wälder und Flüsse kümmerten sie nicht; sie liebte das Land und die Zweige, die reiche Früchte trugen. Statt eines Speers trug sie ein gebogenes Gartenmesser in der Hand, mit dem sie wuchernde Triebe stutzte, Äste lichtete und einen Zweig in die Rinde eines anderen Baumes einsetzte, um ihn zu veredeln. Damit die Bäume nicht dürsteten, leitete sie Wasser zu ihren Wurzeln. Diese Leidenschaft war ihr ganzes Leben, und von der Liebe wollte sie nichts wissen: Sie umgab ihren Obstgarten mit einer Mauer und verwehrte jedem Mann den Zutritt.
Vertumnus und Pomona
Zahlreiche ländliche Gottheiten bemühten sich um die schöne Gärtnerin: die übermütigen Satyrn, der Hirtengott Pan, der Waldgott Silvanus und der Fruchtbarkeitsgott Priapus. Doch keiner liebte sie so sehr wie Vertumnus, der Gott des Wandels, der Jahreszeiten und des Reifens, dessen Kult vermutlich aus Etrurien stammte. Da er die Gabe besaß, jede beliebige Gestalt anzunehmen, versuchte er auf immer neue Weise, in ihre Nähe zu gelangen. Er kam als Schnitter mit einem Korb voller Ähren, als Heumacher mit frischem Heu um die Schläfen, als Ochsentreiber mit dem Stachelstock, als Winzer mit dem Rebmesser, als Obstpflücker mit einer Leiter, als Soldat mit dem Schwert und als Fischer mit der Angelrute. So durfte er sie wenigstens sehen, doch gewinnen konnte er sie auf diese Weise nicht.
Die Verwandlungen des Vertumnus
Korb mit Ähren
Heu um die Schläfen
Stachelstock
Rebmesser
Leiter
Schwert
Angelrute
Nach Ovid, Metamorphosen, Buch 14
Schließlich verkleidete sich Vertumnus als alte Frau mit grauem Haar und einem Stock und durfte so den ummauerten Garten betreten. Die Alte lobte die Früchte, küsste Pomona mit auffälliger Wärme und wies auf eine Ulme, um die sich ein Weinstock rankte: Ohne die Rebe trüge der Baum nur Blätter, ohne den Baum läge die Rebe am Boden – ein Bild für den Wert der Ehe. Dann pries sie Vertumnus als treuen Verehrer und erzählte als Warnung die Geschichte der hartherzigen Anaxarete, die den unglücklichen Iphis so lange verschmähte, bis er an seinem Kummer zugrunde ging, und die zur Strafe zu Stein erstarrte. Als auch dies die Göttin Pomona nicht umstimmte, legte Vertumnus die Verkleidung ab und erschien in seiner jugendlichen Gestalt, strahlend wie die Sonne, die durch die Wolken bricht. Gewalt brauchte er nicht: Pomona erwiderte seine Liebe.
Eine andere Überlieferung: Pomona und Picus
Neben Ovids berühmter Erzählung gibt es eine weitere, weniger bekannte Überlieferung. Der spätantike Vergilkommentator Servius berichtet, Pomona sei die Gemahlin des Picus gewesen, eines mythischen Königs von Latium, den die Zauberin Circe aus Eifersucht in einen Specht verwandelt habe. Bei Ovid selbst ist Picus dagegen mit der Nymphe Canens verheiratet. Solche abweichenden Zuordnungen sind für die kleineren Gottheiten Italiens typisch, deren Geschichten oft nur bruchstückhaft und in unterschiedlichen Fassungen überliefert sind. Die Verbindung mit Vertumnus setzte sich jedoch in der Nachwelt durch und machte Pomona zur Partnerin des Gottes, der wie sie selbst für das Wachsen, Reifen und den Wechsel der Jahreszeiten stand. Beide zusammen verkörpern den Kreislauf des Gartenjahres von der Blüte bis zur Ernte.
| Aspekt | Darstellung | Quelle |
|---|---|---|
| Name | Von pomum, Baumfrucht | Lateinischer Wortschatz |
| Priester | Flamen Pomonalis, rangniedrigster der kleineren Flamines | Festus |
| Heiliger Hain | Pomonal an der Straße nach Ostia | Festus |
| Attribut | Gartenmesser zum Beschneiden und Veredeln | Ovid, Metamorphosen |
| Verehrer | Satyrn, Pan, Silvanus, Priapus und Vertumnus | Ovid, Metamorphosen |
| Gemahl | Vertumnus; nach anderer Überlieferung Picus | Ovid; Servius |
| Festtag | In den römischen Kalendern kein Fest belegt | Verbindung mit Halloween neuzeitlich und unbelegt |
Die römische Göttin Pomona in Kunst und Nachleben
Seit der Renaissance gehörte die Geschichte von Vertumnus und Pomona zu den beliebtesten Themen der europäischen Kunst. Jacopo da Pontormo malte sie um 1520 als heitere Fresko-Lünette in der Medici-Villa Poggio a Caiano bei Florenz, und Hendrick Goltzius sowie zahlreiche weitere niederländische Maler stellten die Begegnung mit der verkleideten Alten dar. Besonders originell ist das Bildnis, das Giuseppe Arcimboldo um 1590 von Kaiser Rudolf II. als Vertumnus schuf: ein Porträt, das vollständig aus Früchten, Gemüse und Blumen zusammengesetzt ist. Im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert griffen Bildhauer wie Camille Claudel und Aristide Maillol das Thema auf, und Pomona wurde zur Allegorie des Herbstes und der Fülle, die auf Gemälden, Gartenstatuen und Brunnen erscheint.
Auch im Alltag begegnet uns die römische Göttin der Baumfrüchte Pomona bis heute. Die Wissenschaft vom Obstbau heißt nach ihr Pomologie, und Pomologen erforschen und bewahren alte Obstsorten. In den Vereinigten Staaten trägt die Stadt Pomona in Kalifornien, die einst inmitten ausgedehnter Obstplantagen lag, ihren Namen, ebenso das dort gegründete Pomona College, das heute im benachbarten Claremont liegt. Auf dem Pulitzer-Brunnen an der Grand Army Plaza in New York thront seit 1916 eine bronzene Pomona mit einem Korb voller Früchte, und selbst ein Asteroid ist nach ihr benannt. So hat die bescheidene Göttin der Obstgärten, deren Priester einst den niedrigsten Rang einnahm, eine erstaunliche Nachwirkung entfaltet: Sie steht bis heute für die Fülle der Ernte und für die Kunst, durch Geduld und Pflege aus einem Baum einen fruchtbaren Garten zu machen.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zur Göttin der Baumfrüchte Pomona
Wer war die Göttin Pomona?
Pomona war in der römischen Mythologie die Göttin der Baumfrüchte und Obstgärten. Ihr Name leitet sich von lateinisch pomum, „Baumfrucht“, ab. Sie wachte über das Pflanzen, Veredeln und Beschneiden der Bäume und besaß als eigenständige italische Gottheit keine griechische Entsprechung.
Wer war Vertumnus?
Vertumnus war ein römischer Gott des Wandels, der Jahreszeiten und des Reifens, dessen Kult vermutlich aus Etrurien stammte. Nach Ovid warb er in zahlreichen Verkleidungen um Pomona und gewann sie schließlich, als er sich als alte Frau Zutritt zu ihrem Garten verschaffte und danach seine wahre Gestalt zeigte.
Gab es ein Fest der Pomona?
In den erhaltenen römischen Kalendern ist kein eigenes Fest der Pomona verzeichnet. Sie besaß jedoch einen eigenen Priester, den Flamen Pomonalis, und einen heiligen Hain an der Straße nach Ostia. Die verbreitete Behauptung eines römischen Pomona-Festes am 1. November als Ursprung von Halloween-Bräuchen ist in antiken Quellen nicht belegt.
Welche Spuren hat Pomona hinterlassen?
Nach Pomona ist die Pomologie benannt, die Wissenschaft vom Obstbau. Zudem tragen die Stadt Pomona in Kalifornien und das Pomona College ihren Namen, eine Bronzestatue der Göttin krönt seit 1916 den Pulitzer-Brunnen in New York, und die Geschichte von Vertumnus und Pomona inspirierte Künstler von Pontormo bis Camille Claudel.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf den antiken Quellen zur Göttin Pomona, insbesondere dem vierzehnten Buch der Metamorphosen des Ovid, dem Lexikon des Festus und dem Vergilkommentar des Servius, ergänzt durch kunsthistorische Darstellungen und anerkannte Standardwerke der römischen Religionsgeschichte. Die Quellen zum Kult der Pomona sind spärlich, und einige verbreitete Angaben, etwa zu einem Fest am 1. November, lassen sich in der antiken Überlieferung nicht nachweisen. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Stand der Informationen: Juni 2026
