Volturnus: Römischer Gott des Wassers und der Flüsse

Volturnus war ein römischer Gott des Wassers und der FlüsseFlüsse waren im antiken Rom weit mehr als Verkehrswege und Wasserquellen. Sie galten als lebendige, göttliche Mächte, die Fruchtbarkeit schenkten, aber auch mit verheerenden Überschwemmungen drohten. Unter den Gottheiten, die über dieses Element wachten, ist Volturnus eine der rätselhaftesten. Der Gott Volturnus besaß einen eigenen Priester und ein eigenes Fest im römischen Kalender, und doch wissen wir erstaunlich wenig über ihn. Er gilt als römischer Gott des Wassers und der Flüsse, möglicherweise als ursprünglicher Gott des Tiber, vielleicht aber auch als Gottheit eines anderen italischen Flusses. Gerade diese Unsicherheit macht ihn zu einem aufschlussreichen Beispiel für die ältesten, kaum noch greifbaren Schichten der römischen Religion.

Volturnus gehört zu jenen Göttern, die schon in der Antike selbst nur noch dem Namen nach bekannt waren. Als die großen Dichter und Gelehrten Roms über ihre Götter schrieben, war seine Verehrung offenbar längst verblasst. Dieser Beitrag stellt zusammen, was die Quellen über ihn verraten, erklärt die verschiedenen Deutungen seiner Herkunft, zeigt seine Verbindung zu anderen Wassergottheiten wie Juturna und ordnet ihn in die Welt der römischen Fluss- und Quellgötter ein. Zugleich wird deutlich, wie ein Gott, der in der römischen Mythologie kaum Spuren hinterließ, im Namen eines Flusses bis heute weiterlebt.

Ein Gott mit eigenem Priester

Der wichtigste Beleg für die einstige Bedeutung des Volturnus ist sein Priester. Der römische Gelehrte Varro nennt in seinem Werk über die lateinische Sprache einen Flamen Volturnalis, also einen eigenen Opferpriester des Gottes. Er gehörte zu den zwölf sogenannten kleineren Flamines, einer Gruppe von Priestern, die jeweils einer einzelnen Gottheit dienten. Ein solches Priesteramt war ein Zeichen hohen Alters: Die Flamines gingen auf die frühesten Zeiten Roms zurück, und manche Überlieferungen führen ihre Einrichtung auf König Numa zurück. Dass Volturnus einen eigenen Flamen besaß, zeigt, dass er einst zu den fest verankerten Göttern der Stadt gehörte. Zugleich ist auffällig, dass sich neben ihm in derselben Liste weitere Gottheiten finden, über die später kaum noch etwas bekannt war, wie Falacer oder Palatua.

Auch im römischen Festkalender hatte Volturnus seinen festen Platz. Am 27. August feierte man die Volturnalia, das Fest des Gottes. Über den Ablauf dieses Festes ist nichts überliefert; wir kennen es nur aus Einträgen in Kalenderinschriften. Der Zeitpunkt im Spätsommer könnte darauf hindeuten, dass das Fest mit dem niedrigen Wasserstand der Flüsse am Ende der heißen Jahreszeit zusammenhing, doch dies bleibt Vermutung. Bemerkenswert ist, dass der Gott Volturnus damit zu den Gottheiten gehörte, die sowohl einen eigenen Priester als auch ein eigenes Fest besaßen – Kennzeichen eines Kultes, der zu einer bestimmten Zeit eine wichtige Rolle im religiösen Leben Roms gespielt haben muss, auch wenn wir seinen Inhalt heute kaum noch erschließen können.

  • Name – Volturnus, Herkunft und Bedeutung ungeklärt.
  • Zuständigkeit – Wasser und Flüsse, möglicherweise der Tiber.
  • Priester – Der Flamen Volturnalis, einer der zwölf kleineren Flamines.
  • Fest – Die Volturnalia am 27. August.
  • Familie – Nach dem christlichen Autor Arnobius Vater der Quellnymphe Juturna.

Gott des Tiber oder eines kampanischen Flusses?

Welcher Fluss mit Volturnus gemeint war, ist in der Forschung umstritten. Eine verbreitete Deutung sieht in ihm den ursprünglichen Gott des Tiber, des Flusses, an dem Rom entstand. Dafür spricht, dass Rom selbstverständlich eine Gottheit für seinen eigenen Fluss verehrt haben dürfte und dass der Tiber nach antiken Autoren in früheren Zeiten andere Namen trug. Die spätere Verehrung des Tiber konzentrierte sich auf Tiberinus, den Vater Tiber, der in Vergils Aeneis dem Helden Aeneas im Traum erscheint. Volturnus könnte demnach eine ältere, später verdrängte Gestalt des Flussgottes gewesen sein. Ein eindeutiger antiker Beleg für diese Gleichsetzung fehlt allerdings, sodass sie eine wissenschaftliche Hypothese bleibt.

Eine andere Deutung verbindet den Gott mit dem Fluss Volturnus in Kampanien, dem heutigen Volturno, dem längsten Fluss Süditaliens. An seiner Mündung gründeten die Römer im Jahr 194 vor Christus eine Kolonie namens Volturnum, das heutige Castel Volturno. Wie ein Gott dieses fernen Flusses einen eigenen Priester in Rom erhalten haben sollte, ist allerdings schwer zu erklären. Manche Forscher vermuten deshalb einen gemeinsamen, älteren Ursprung des Namens, etwa in einer etruskischen Gottheit. In Betracht gezogen wurde unter anderem Voltumna, der Hauptgott des etruskischen Bundesheiligtums bei Volsinii, dessen Name ähnlich klingt. Auch diese Verbindung ist jedoch unsicher, und so bleibt Volturnus ein Gott, dessen Herkunft sich nicht abschließend klären lässt.

Ein Name, viele Spuren

Volturnus ★ – Gott mit Flamen Volturnalis und Fest am 27. August
↓
Tiberinus

Gott des Tiber; Volturnus möglicherweise seine ältere Gestalt

Hypothese

Fluss Volturno

Kampanien, längster Fluss Süditaliens, Kolonie Volturnum 194 v. Chr.

Namensgleichheit

Voltumna

Hauptgott des etruskischen Bundesheiligtums bei Volsinii

Unsichere Namensverwandtschaft

Wind Volturnus

Südostwind, nach Livius bei Cannae gegen die Römer

Gleicher Name

Gesichert sind nur Priester und Fest – alle weiteren Zuordnungen beruhen auf Deutungen

Volturnus als Vater der Juturna

Einen seltenen Hinweis auf die mythologische Einbindung des Gottes liefert ein später Autor. Der christliche Schriftsteller Arnobius, der um 300 nach Christus gegen die heidnischen Götter polemisierte, berichtet, Janus habe Juturna geheiratet, eine Tochter des Volturnus, und mit ihr den Gott Fons gezeugt, den Gott der Quellen. Juturna war eine Quellnymphe, deren Quelle am Forum Romanum lag und die mit heilkräftigem Wasser verbunden war; ihr Fest, die Juturnalia, wurde am 11. Januar gefeiert. Wenn Volturnus als ihr Vater galt, passt dies gut zu seinem Bild als Wasser- und Flussgott: Der Fluss wäre gewissermaßen der Ursprung der Quelle. Ob diese Genealogie alt ist oder eine späte Konstruktion, lässt sich allerdings nicht sagen, da Arnobius einer der wenigen Autoren ist, die sie überhaupt erwähnen.

Zeugnis Inhalt Bedeutung
Varro, Über die lateinische Sprache Nennung des Flamen Volturnalis Hinweis auf einen alten, fest verankerten Kult
Römische Kalenderinschriften Volturnalia am 27. August Eigenes Fest im Jahreslauf
Arnobius Volturnus als Vater der Juturna Einbindung in die Welt der Wassergottheiten
Livius Kolonie Volturnum am gleichnamigen Fluss Möglicher Bezug zum Fluss in Kampanien
Vergil, Aeneis Tiberinus als Gott des Tiber Mögliche spätere Gestalt des Flussgottes
Etruskische Überlieferung Voltumna als Hauptgott des Bundesheiligtums Hypothetische Namensverwandtschaft

Wasser und Flüsse in der römischen Religion

Der römische Gott Volturnus steht nicht allein, sondern gehört zu einer Vielzahl von Gottheiten, mit denen die Römer das Wasser in seinen verschiedenen Formen verehrten. Neptun war ursprünglich vermutlich ein Gott des Süßwassers, bevor er mit dem griechischen Meeresgott Poseidon gleichgesetzt wurde; sein Fest, die Neptunalia, fiel in die heiße Zeit Ende Juli. Fons wachte über die Quellen und wurde am 13. Oktober mit den Fontinalia geehrt, bei denen man Blumen in Quellen warf und Brunnen bekränzte. Portunus schützte Häfen und Flussübergänge, und Tiberinus, der Vater Tiber, wurde als bärtiger, gelagerter Mann mit Wasserkrug dargestellt – ein Bildtypus, mit dem die Römer viele Flussgötter wiedergaben. In diesem dichten Netz von Wassergottheiten bildete Volturnus offenbar einen sehr alten Knotenpunkt, dessen Bedeutung später auf andere Götter überging.

Das Nachleben des Volturnus

Als Gott des Wassers und der Flüsse ist Volturnus fast vollständig in Vergessenheit geraten; weder eine sicher identifizierte bildliche Darstellung noch ein Mythos, in dem er selbst handelt, ist erhalten. Sein Name aber lebt fort. Der Fluss Volturno trägt ihn bis heute, ebenso der Ort Castel Volturno an seiner Mündung, und in die Geschichte ging der Fluss 1860 ein, als Giuseppe Garibaldi an seinen Ufern eine entscheidende Schlacht der italienischen Einigung gewann. Auch der Südostwind trug bei den Römern den Namen Volturnus: Nach Livius blies er in der Schlacht von Cannae im Jahr 216 vor Christus den Römern Staub ins Gesicht und trug so zu ihrer schweren Niederlage gegen Hannibal bei. So begegnet man dem Namen des Gottes in Flüssen, Orten und Winden – ein leises Echo eines Gottes, dem einst ein eigener Priester diente.

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zum Gott des Wassers und der Flüsse Volturnus

Wer war der Gott Volturnus?

Volturnus war ein altrömischer Gott, der als Gott des Wassers und der Flüsse gilt. Er besaß einen eigenen Priester, den Flamen Volturnalis, und ein eigenes Fest, die Volturnalia am 27. August. Über seine Mythen ist nahezu nichts überliefert, und seine genaue Zuständigkeit ist in der Forschung umstritten.

War Volturnus der Gott des Tiber?

Viele Forscher vermuten, dass Volturnus ursprünglich der Gott des Tiber war, bevor dessen Verehrung auf Tiberinus überging. Ein eindeutiger antiker Beleg dafür fehlt jedoch. Andere Deutungen verbinden ihn mit dem Fluss Volturno in Kampanien oder mit der etruskischen Gottheit Voltumna.

Wann wurden die Volturnalia gefeiert?

Die Volturnalia, das Fest des Volturnus, wurden am 27. August gefeiert. Das Fest ist nur aus Einträgen in römischen Kalenderinschriften bekannt; über seinen Ablauf und seine Bräuche ist nichts überliefert.

Was hat Volturnus mit dem Fluss Volturno zu tun?

Der Fluss Volturno in Kampanien, der längste Fluss Süditaliens, trägt denselben Namen wie der Gott. An seiner Mündung gründeten die Römer 194 vor Christus die Kolonie Volturnum, das heutige Castel Volturno. Ob der in Rom verehrte Gott ursprünglich diesem Fluss zugeordnet war, ist jedoch ungeklärt.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf den wenigen antiken Zeugnissen zum Gott Volturnus, insbesondere Varros Werk über die lateinische Sprache, römischen Kalenderinschriften, der Streitschrift des Arnobius sowie Angaben bei Livius und Vergil, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der römischen Religionsgeschichte. Die Quellenlage ist außerordentlich dünn; sämtliche Zuordnungen des Gottes zu bestimmten Flüssen oder Gottheiten beruhen auf wissenschaftlichen Deutungen. Alle Angaben ohne Gewähr.

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Stand der Informationen: Juni 2026