Im antiken Rom gab es eine Göttin, deren wahren Namen kein Mann erfahren durfte. Man nannte sie nur Bona Dea, die „gute Göttin“. Ihre wichtigste Feier fand einmal im Jahr in einer Dezembernacht statt, und zwar ausschließlich unter Frauen. Kein Mann durfte das Haus betreten, selbst Bilder männlicher Tiere wurden verhüllt. Bona Dea war eine römische Göttin der Fruchtbarkeit und der Heilung von Frauen, zugleich aber eine Schutzmacht des ganzen römischen Volkes. In ihrem Tempel auf dem Aventin lagerten Heilkräuter, und harmlose Schlangen bewegten sich frei zwischen den Gläubigen. Gerade weil ihr Kult so geheimnisvoll war, beschäftigte er die Fantasie der Römer. Im Jahr 62 vor Christus wurde er sogar zum Schauplatz eines der größten Skandale der späten Republik.
Bona Dea gehört zu den eigentümlichsten Gestalten der römischen Mythologie. Über ihre Herkunft erzählten die Römer widersprüchliche Geschichten, und ihre Riten umgab ein Schleier des Schweigens. Hinzu kommt, dass die Berichte über sie fast ausschließlich von Männern stammen, die an ihren Feiern nie teilgenommen hatten. Dieser Beitrag erklärt, was hinter dem Namen der guten Göttin steckt, und stellt die Mythen vor, mit denen die Römer ihre seltsamen Bräuche erklärten. Er beschreibt ihren Tempel auf dem Aventin und die geheime Nachtfeier, die für das Wohl des Staates abgehalten wurde. Ausführlich geht es um den Skandal, den Publius Clodius auslöste, als er sich als Frau verkleidet in die Feier einschlich. Zum Schluss zeigt der Beitrag, wie der Kult in der Kaiserzeit weiterlebte und welche Bedeutung er für die Frauen im antiken Rom hatte.
Die gute Göttin: Name und Wesen
Bona Dea ist kein Eigenname, sondern ein ehrfürchtiger Beiname. Der eigentliche Name der Göttin galt als geheim und durfte Männern nicht bekannt werden. Schon die Römer selbst rätselten deshalb, wer sich hinter der guten Göttin verbarg. Der Gelehrte Varro hielt sie für Fauna, die Tochter oder Gattin des Waldgottes Faunus. Andere setzten sie mit der Erdgöttin Ops, mit Terra oder mit Maia gleich, der man nach Macrobius am 1. Mai, dem Weihetag ihres Tempels, eine trächtige Sau opferte. Plutarch berichtet, die Griechen nennten sie die Göttin der Frauen, und manche sähen in ihr eine der Mütter des Dionysos, deren Name nicht ausgesprochen werden dürfe. Gemeinsam ist all diesen Deutungen die Verbindung mit Fruchtbarkeit, Erde und Weiblichkeit. Bona Dea schützte das Gedeihen von Mensch und Natur, heilte Krankheiten und wachte zugleich über die Keuschheit und Würde der Frauen.
- Name – Beiname „gute Göttin“; ihr wahrer Name war vor Männern geheim.
- Zuständigkeit – Fruchtbarkeit, Heilung, Schutz der Frauen und Wohl des römischen Volkes.
- Gleichsetzungen – Fauna, Ops, Terra und Maia; bei den Griechen „Göttin der Frauen“.
- Symbole – Schlange, Füllhorn und Weinlaub; Myrte war verboten.
- Kult – Tempel auf dem Aventin und geheime Nachtfeier im Dezember.
- Berühmtester Vorfall – Der Clodius-Skandal von 62 v. Chr.
Mythen um Bona Dea
Die Römer erzählten mehrere Geschichten, um die eigentümlichen Bräuche ihres Kultes zu erklären. Nach der Fassung, die Macrobius überliefert, war Bona Dea die Tochter des Faunus. Ihr Vater verliebte sich in sie, doch sie wies ihn standhaft ab. Daraufhin schlug er sie mit Ruten aus Myrte und versuchte, sie mit Wein gefügig zu machen. Als auch das nicht half, verwandelte er sich in eine Schlange und vereinigte sich mit ihr. Diese düstere Erzählung erklärte gleich mehrere Regeln des Kultes. Myrte war im Heiligtum der Göttin streng verboten. Wein durfte zwar gebracht werden, aber nur in einem verhüllten Gefäß, und man durfte ihn nicht beim Namen nennen. Stattdessen sprach man von „Milch“, und den Weinkrug nannte man „Honigtopf“. Schlangen schließlich galten als heilig und lebten unbehelligt im Tempel, wo sie niemanden erschreckten und selbst nicht verscheucht wurden.
Eine zweite Fassung: Die Gattin des Faunus
Eine andere Überlieferung, die der christliche Autor Lactantius nach einem älteren Gewährsmann wiedergibt, macht Bona Dea zur Ehefrau des Faunus. Sie sei eine Frau von vorbildlicher Sittsamkeit gewesen, die das Haus nie verließ und keinen fremden Mann zu Gesicht bekam. Doch eines Tages habe sie heimlich einen ganzen Krug Wein getrunken. Ihr Mann habe sie daraufhin mit Myrtenruten zu Tode geprügelt, die Tat später jedoch bereut und sie zur Göttin erhoben. Auch diese Fassung erklärt das Verbot der Myrte und den verschämten Umgang mit dem Wein. Zugleich spiegelt sie die strengen Moralvorstellungen der frühen römischen Gesellschaft wider, in der Weingenuss für Frauen lange als anstößig galt. Für heutige Leser sind beide Geschichten verstörend, denn sie erzählen von Gewalt gegen Frauen. Bemerkenswert ist jedoch, dass gerade diese Göttin zur Schutzherrin der Frauen wurde, die in ihren Riten einen Raum ganz für sich besaßen.
Der Tempel auf dem Aventin
Das wichtigste Heiligtum der Bona Dea lag am Abhang des Aventin unterhalb eines Felsens, weshalb man sie dort auch Bona Dea Subsaxana nannte, die gute Göttin unter dem Felsen. Nach Ovid wurde der Tempel am 1. Mai geweiht, gestiftet von einer Vestalin aus dem vornehmen Geschlecht der Claudier. Männer durften das Heiligtum nicht betreten. Im Inneren lagerten nach Macrobius Heilkräuter aller Art, aus denen die Priesterinnen Arzneien für Kranke bereiteten. So wurde der Tempel zu einer Art Heilstätte, besonders für Frauen, die hier Hilfe bei Krankheiten und bei Sorgen um ihre Fruchtbarkeit suchten. Inschriften zeigen, dass man sich auch bei Augenleiden an die Göttin wandte. Auffällig ist allerdings, dass ein beträchtlicher Teil der erhaltenen Weihinschriften für Bona Dea von Männern stammt, häufig von Freigelassenen und Sklaven. Der Ausschluss der Männer betraf offenbar vor allem den Tempel in Rom und die große Staatsfeier, nicht aber jede Form ihrer Verehrung.
Zwei Kulte der Bona Dea
Tempelkult auf dem Aventin
Termin: Weihetag am 1. Mai
Zugang: Frauen; Männer im Tempel ausgeschlossen
Merkmale: Heilkräuter und heilige Schlangen
Zweck: Heilung und Fruchtbarkeit
Nächtliche Staatsfeier ★
Termin: Eine Nacht Anfang Dezember
Leitung: Ehefrau des Amtsträgers mit den Vestalinnen
Merkmale: Weinlaub, „Milch“ statt Wein, Musik
Zweck: Wohl des römischen Volkes
In beiden Kulten galt: Myrte war verboten, und kein Mann durfte die heiligen Handlungen sehen
Die geheime Nachtfeier im Dezember
Neben dem Tempelkult gab es eine zweite, noch geheimnisvollere Feier. Jedes Jahr in einer Nacht Anfang Dezember versammelten sich die vornehmsten Frauen Roms im Haus eines Konsuls oder Prätors. Die Ehefrau des Amtsträgers leitete die Riten, unterstützt von den Vestalinnen, den Priesterinnen der Göttin Vesta. Die Feier galt ausdrücklich dem Wohl des ganzen römischen Volkes. Der Hausherr und alle männlichen Bewohner mussten das Haus verlassen, und nach Seneca wurden sogar Bilder männlicher Tiere verhüllt. Die Räume schmückte man mit Weinlaub und Blumen, nur Myrte war verboten. Was genau geschah, blieb ein streng gehütetes Geheimnis. Bekannt ist, dass ein Opfer dargebracht wurde, Musik erklang und der als „Milch“ bezeichnete Wein getrunken wurde. Spätere Satiriker wie Juvenal malten die Feier als ausschweifendes Gelage aus. Solche Schilderungen sagen allerdings mehr über die Fantasien männlicher Autoren aus als über die tatsächlichen Riten.
Wie ernst die Römer diese Feier nahmen, zeigt ein Ereignis aus dem Jahr 63 vor Christus. Damals war Cicero Konsul, und die Feier fand in seinem Haus unter der Leitung seiner Frau Terentia statt. Gerade in diesen Tagen beriet der Senat über das Schicksal der Verschwörer um Catilina, die einen Umsturz geplant hatten. Während der Riten loderte nach Plutarch plötzlich eine helle Flamme aus der bereits erloschenen Asche des Altars auf. Die anwesenden Vestalinnen deuteten dies als günstiges Zeichen der Göttin. Terentia ließ ihrem Mann ausrichten, er solle entschlossen handeln, denn die Göttin schenke ihm Ruhm und Sicherheit. Cicero ließ die Verschwörer kurz darauf hinrichten. Die Episode zeigt, dass die Feier der guten Göttin keineswegs eine private Frauenangelegenheit war. Sie galt als Teil der staatlichen Religion, und ihre Zeichen konnten politische Entscheidungen beeinflussen.
Der Skandal von 62 v. Chr.: Clodius im Frauengewand
Ein Jahr später wurde die Feier zum Mittelpunkt eines handfesten Skandals. Im Dezember 62 vor Christus fand sie im Haus Gaius Iulius Caesars statt, der als Prätor und Oberpriester amtierte. Gastgeberin war seine Frau Pompeia, unterstützt von Caesars Mutter Aurelia. In dieser Nacht schlich sich der junge Aristokrat Publius Clodius Pulcher, als Harfenspielerin verkleidet, in das Haus. Nach den antiken Berichten wollte er sich heimlich mit Pompeia treffen. Doch eine Dienerin Aurelias sprach ihn an, und seine Stimme verriet ihn. Die entsetzten Frauen unterbrachen die Riten, verhüllten die heiligen Gegenstände und trieben den Eindringling aus dem Haus. Die Vestalinnen mussten die Feier später wiederholen. Caesar ließ sich kurz darauf von Pompeia scheiden, obwohl er erklärte, ihr nichts vorzuwerfen. Nach dem Grund gefragt, soll er geantwortet haben, seine Frau müsse über jeden Verdacht erhaben sein – ein Satz, der bis heute sprichwörtlich ist.
Prozess, Rache und ein später Tod
Clodius wurde im folgenden Jahr wegen Religionsfrevels angeklagt. Er behauptete, sich zur fraglichen Zeit gar nicht in Rom aufgehalten zu haben, doch Cicero sagte als Zeuge aus, er habe ihn an jenem Tag in der Stadt gesehen. Dennoch sprach das Gericht Clodius mit 31 gegen 25 Stimmen frei – nach dem Urteil der Zeitgenossen dank großzügiger Bestechung der Richter. Für Cicero hatte seine Aussage schwerwiegende Folgen. Clodius wurde zu seinem erbitterten Feind und setzte im Jahr 58 vor Christus als Volkstribun dessen Verbannung durch.
Das Ende dieser Geschichte erschien vielen Römern wie eine späte Rache der Göttin. Im Jahr 52 vor Christus wurde Clodius an der Via Appia bei Bovillae in einem Kampf mit den Leuten seines Rivalen Milo erschlagen. Cicero, der Milo vor Gericht verteidigte, wies ausdrücklich darauf hin, dass Clodius unmittelbar vor einem Heiligtum der Bona Dea gefallen war. Die beleidigte Göttin habe, so legte er nahe, ihr Urteil selbst gesprochen.
| Aspekt | Bedeutung | Wirkung und Folge |
|---|---|---|
| Geheimer Name | Göttin, deren Name Männern verborgen blieb | Verehrung unter dem Beinamen „gute Göttin“ |
| Verbot der Myrte | Erinnerung an die Myrtenruten des Faunus | Kein Myrtenschmuck in Tempel und Feier |
| Wein als „Milch“ | Verschleierung des verbotenen Weins | Wein im verhüllten Krug, „Honigtopf“ genannt |
| Heilige Schlangen | Symbol der Fruchtbarkeit und Heilkraft | Unbehelligt im Tempel geduldet |
| Heilkräuter im Tempel | Göttin der Heilung | Arzneien durch Priesterinnen, besonders für Frauen |
| Dezemberfeier | Riten für das Wohl des römischen Volkes | Männer ausgeschlossen, Vestalinnen anwesend |
| Flammenzeichen 63 v. Chr. | Günstiges Omen für Cicero | Hinrichtung der Catilinarier |
| Clodius-Skandal 62 v. Chr. | Entweihung der Feier | Caesars Scheidung, später Ciceros Verbannung |
| Tod des Clodius 52 v. Chr. | Fall vor einem Heiligtum der Bona Dea | Als Rache der Göttin gedeutet |
Bona Dea in der Kaiserzeit und ihr Nachleben
In der Kaiserzeit erlebte der Kult der Bona Dea eine neue Blüte. Livia, die Gemahlin des Augustus, ließ nach Ovid den Tempel auf dem Aventin erneuern, und auch Kaiser Hadrian soll ihn später restauriert haben. Heiligtümer der Göttin gab es in Ostia, der Hafenstadt Roms, in vielen Städten Italiens und in den Provinzen bis nach Nordafrika. Mit dem Aufstieg des Christentums geriet sie jedoch zunehmend in die Kritik. Christliche Autoren wie Lactantius und Arnobius verspotteten ihre Mythen als Beweis für die Unmoral der heidnischen Götter.
Mit dem Verbot der heidnischen Kulte am Ende des 4. Jahrhunderts erlosch auch ihre Verehrung, und die genaue Lage ihres Tempels auf dem Aventin ist bis heute nicht sicher bestimmt. Für die moderne Forschung ist Bona Dea von besonderem Interesse. Ihr Kult gehört zu den seltenen Bereichen der römischen Religion, in denen Frauen eigenständig handelten, Riten leiteten und Verantwortung für das Wohl der ganzen Gemeinschaft trugen.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zu Bona Dea
Wer war Bona Dea?
Bona Dea, die gute Göttin, war eine römische Göttin der Fruchtbarkeit, der Heilung und des Schutzes der Frauen. Ihr wahrer Name galt als geheim und durfte Männern nicht bekannt werden. Sie wurde oft mit Fauna, der Tochter oder Gattin des Faunus, gleichgesetzt und galt zugleich als Schutzmacht des römischen Volkes.
Warum durften Männer nicht am Kult der Bona Dea teilnehmen?
Bei der großen Nachtfeier im Dezember und im Tempel auf dem Aventin waren Männer ausgeschlossen, weil die Riten als Angelegenheit der Frauen galten. Selbst Bilder männlicher Tiere wurden verhüllt. Die Mythen erklärten dies mit der Keuschheit der Göttin, die nach der Überlieferung keinen fremden Mann zu Gesicht bekam.
Was geschah beim Clodius-Skandal?
Im Dezember 62 vor Christus schlich sich Publius Clodius Pulcher als Harfenspielerin verkleidet in die Feier der Bona Dea im Haus Caesars. Er wurde entdeckt, die Riten mussten wiederholt werden, und Caesar ließ sich von seiner Frau Pompeia scheiden, weil sie über jeden Verdacht erhaben sein müsse. Clodius wurde wegen Religionsfrevels angeklagt, aber freigesprochen.
Warum war Myrte im Kult der Bona Dea verboten?
Nach den Mythen wurde Bona Dea von Faunus mit Ruten aus Myrte geschlagen. Deshalb durfte Myrte weder im Tempel noch bei der Nachtfeier verwendet werden. Ebenso erklärten die Mythen, warum Wein nur verhüllt gebracht und als Milch bezeichnet wurde.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel stützt sich auf antike Quellen zum Kult der Bona Dea, insbesondere die Saturnalien des Macrobius, die Göttlichen Unterweisungen des Lactantius, Ovids Fasten, die Lebensbeschreibungen Caesars und Ciceros sowie die Römischen Fragen Plutarchs, Ciceros Briefe und Reden, Sueton, Seneca und Juvenal. Ergänzt werden sie durch Weihinschriften, archäologische Befunde und anerkannte Standardwerke der römischen Religionsgeschichte. Da nahezu alle literarischen Berichte von Männern stammen, die an den Riten nicht teilnehmen durften, bleiben viele Einzelheiten des Kultes unsicher. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Stand der Informationen: Juni 2026
